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Der
nachfolgende Artikel beschreibt den Bau der TienTien und den ersten Törn
1996, er wurde von Barbara geschrieben und erschien in der Yacht 7/97.
. . . lets fets, FEZZO! diese langen Winterabende... Ihr wißt, von was ich spreche. Es werden Segelzeitschriften gewälzt, Seekarten ausgebreitet, in Ausrüsterkatalogen geblättert, aber irgendwie kann das alles nicht befriedigen. Bei uns begann das auch so, bis eines eisigen Winterabends die Frage kam: Babs, was hältst du denn davon, wenn - wenn wir uns ein neues Schiff zulegen? Wir, das ist eine vierköpfige Familie, und das "alte" ist ein selbstgebauter Jollenkreuzer vom Typ Diabolo. Und, wie rein zufällig, reicht mir mein lieber Segelmann auch schon die entsprechende Zeitschrift herüber, in dem unser "Neues" beschrieben und auch abgebildet ist - eine TienTien von Waarschip. Das wär's doch, oder? Klar, dies und jenes muß noch "etwas" verändert werden, das Cockpit, die Kajüte, der Segelplan, Kiel, Gewicht... Das wichtigste aber: es muß trailerbar werden. Trailerbar deshalb, weil wir rund 200 km zum Bodensee und 800 km zur Ostsee oder dem Mittelmeer haben. Zum "richtig" Segeln kommen wir nur im Urlaub, die Diabolo reicht fürs Wochenende auf dem Stausee. Ich weiß Bescheid. Das "Neue" gibt ein sehr sportliches und rankes Schiff, nur bedingt familienfreundlich, gut für Leichtwindreviere wie den Bodensee. Ich stimme unter einer Bedingung zu: Der Bauplatz muß in der Nähe sein, damit unsere Kinder den Papa die nächsten Jahre nicht vergessen.
Wir haben Glück, im nächsten Dorf finden wir einen idealen Bauplatz, mit kinderfreundlicher Umgebung. Jetzt gehts los. September 93, Bootsschale, Trailer, Holz, Epoxyd. Schon bei der Bestellung wird auf jedes Gramm geachtet, Längsstringer nicht aus Mahagoni sondern Western Red Cedar... Im Januar 94 fährt Karlheinz nach Holland, um die Schale unserer TienTien bei Waarschip abzuholen, 10,50 m lang! Zusammen fahren wir zum ersten Mal auf die Waage: in dicke Folie verpackte Rumpfschale mit Schotten, Spiegel, Decksbalken und Längsstringern, incl. Trailer, genau 800 kg. Kein schlechtes Startgewicht, unser Endziel: unter 2000 kg! Zuerst drehen wir hunderte von Schrauben aus dem Rumpf, verschließen wieder mit Holzdübeln (alles Gewicht?!). Dann beginnt der Ausbau: Verstärkungen, Kojen, Pantry, Navigationsecke. Es ist mittlerweile Herbst. Vielleicht klappts im Sommer 95 schon mit dem ersten Törn? Nein, es klappt auf keinen Fall, es ist zuviel Arbeit, mit einer Diabolo nicht zu vergleichen. Und klammheimlich schleicht sich auch noch ein neues Mitglied in unsere Crew ein. Macht nix, aus geplanten vier werden sechs Kojen, unter den Duchten ist noch Platz für die Kinder. Ein Wintertief macht sich breit. Bei Minusgraden kann nicht gearbeitet werden, wie Bootsselbstbauer wissen. Unser Haus wird zum Ersatzbauplatz. Überall liegen Teile zum Aushärten rum, Epoxyd "lebt" recht lange ehe es vernünftig schleifbar ist, kilometerweise geht das Schmirgelpapier drauf. Die Segel sind bestellt, Karlheinz macht sich an die Konstruktion des Kiels. Ich weiß schon, alles soll sehr leicht werden, an der richtigen Stelle aber sehr schwer - es wird ein Hubkiel; die Flosse als Gitterrohrkonstruktion mit GFK-Schale, in zwei Metern Tiefe eine Bleibombe. Sommer 95. Das neue Crewmitglied ist eingetroffen, 3400 g schwer, 51 cm lang. Die TienTien ist soweit ausgebaut, jetzt geht´s an das Schleifen, Streichen, Fluchen, Schleifen, Streichen - es ist eine elende Schinderei, und ganz offensichtlich liegt diese Arbeit dem zukünftigen Skipper nicht.
Im Winter 95/96 steht endgültig fest: nächsten Sommer segeln wir auf der Ostsee, aber da ist noch viel, viel Arbeit. Die Elektrik, Wasserschläuche, Lenzsystem, Fenster, Polster und und und. Es zieht sich. Es ist Juni. Das Schiff ist fast segelfertig, bis auf den Kiel. Die Metallbauer haben zwar den Auftrag schon lange, aber bis jetzt nicht daran gearbeitet. Heutzutage nehmen selbst kleine Handwerksbetriebe solche Aufträge nur ungern entgegen, weil sie nicht in ihre Serienproduktionen passen. Sie haben noch Zeit...? Bis exakt 18. August 96, da beginnt nämlich unser Urlaub! Am 2. August wird die noch vom Schweißen warme Kielkonstruktion erstmals eingebaut - eine Kleinigkeit paßt nicht! Am 10. August wird nochmals eingebaut, der Mast wird "trocken" gesetzt um die Länge der Wanten zu bestimmen - es hat geklappt, die Hülsen für die Spanner können gepreßt werden. Fünf Tage später fahre ich mit meinen Kindern fröhlich zum Bauplatz - Karlheinz sitzt oben im Cockpit und ruft mir schon von weitem entgegen: "Du kannst gleich die Tickets für die Türkei buchen!" Neue Probleme mit dem Kiel, dort wo eigentlich der Kielkasten sein sollte, ist nichts... Wir lassen uns nicht entmutigen und taufen einen Tag später in fröhlicher Runde unsere TienTien auf den Namen "FEZZO". Auch der Kiel wird noch fertig, und am 19. August bricht unser Skipper auf in Richtung Arnis, ein langes "Geschoß" hinterm Auto, inclusive Rigg 1980 kg schwer! Nichts ist unmöglich! "Traumziel" Ostsee Die Ostsee ist zwar nicht unser absolutes Traumziel, aber unter diesen Umständen, mit dem neuen Schiff, den Kindern, unserer relativen Unerfahrenheit, ist es besser eine gute Infrastruktur an Häfen, Ausrüstern usw. zu haben. Verständigungsprobleme würde es keine geben, von anderen kann man immer lernen.
Um unser aller Nerven zu schonen, fahren die Kinder und ich mit der Bahn nach Schleswig, noch eine Stunde Autofahrt bis Arnis, dann kommt der große Augenblick! Bloß gut, daß ich so müde bin. Das Schiff schwimmt zwar, der Mast steht auch, aber ansonsten sieht es auf dem Boot aus wie zwei Wochen vorher in der Halle. Bohrer, Werkzeuge, Kabel, Schrauben, nicht ausgepackte Reisetaschen... Mein lieber Mann reicht mir ein Bier, versichert mir, der Kocher funktioniere schon und setzt Wasser auf für das Einschlaf-Fläschchen unseres Kleinsten. Michi ist freundlicherweise so müde, daß er sofort einschläft. Zudem gibt es im Arniser Hafen ein wunderbares Restaurant, sodaß unsere Ankunft zu einem positiven Abschluß kommt
Tags darauf der erste Probeschlag auf der Schlei, der Grundtrimm stimmt auf Anhieb, alles funktioniert prima, den Skipper freut´s. Und dann nochmals einen Probeschlag, raus aus der Schlei, Richtung Damp. Jetzt erlebe ich zum erstenmal, was es bedeutet, mit so einem ranken Schiff gegenan zu segeln, bei Windstärken in Böen sicher bis 6 und unmöglichem Wellensystem. Die einzig ruhigen bleiben Michi und der Skipper, der erste, weil er keine Ahnung hat, der zweite, weil er sich weiter bestätigt fühlt. Wir kehren trotzdem um, wollen nicht in diesem Hack die kurze Strecke nach Damp kreuzen, noch nicht. Na denn, rein nach Maasholm!
Nun müssen wir aber los, wenn wir unser angestrebtes Ziel - rund Fünen - verwirklichen wollen. Die Überfahrt nach Marstal ist super, einer der schönsten Segeltage überhaupt. Sonnenschein, raume Winde, vermutlich knapp zwei Windstärken, keine Welle, aber immer wieder bis zu 6 Knoten Fahrt. Unser Michael, gerade 1 Jahr alt, tut uns den Gefallen während des größten Teils der 21 sm zu schlafen, und für unsere beiden Mädchen, 5 + 6, ist alles neu und interessant. In Marstal erwartet sie ein toller Spielplatz direkt an den Stegen, Schwimmen, im Sand spielen, Pony streicheln und und und. Das Wetter ist nämlich noch richtig sommerlich als wir ankommen.
Und wir? Karlheinz ärgert sich, daß er sein Angelzeug in Arnis gelassen hat, denn es gibt jede Menge Fisch im seichten Wasser! Er hat weniger am Schiff zu bauen, als wir vermutet haben, Zeit zum Angeln wäre also gewesen. Ich kämpfe mit den Tücken des Hausfrauen-Alltags auf einem für mich noch unbekannten Segelboot, auf dem es noch kein fließendes Wasser gibt, der Kocher erst nach langem Flehen und Fluchen und einigen Stichflammen (Petroleum) vielleicht zum Kochen kommt, bei Schräglage einmal das etwas zu volle Klo ausläuft und sein Inhalt in die Bilge schwappt, und ich jeden Morgen neue blaue Flecken an mir finde. Ich kämpfe mit dem Anlegen, Ablegen, Segeln, Leinen, Seekarten, erkenne mal wieder, der Mensch lernt nie aus, die Praxis sieht eben teilweise anders aus, als die Kurse in der Binnen-Segelschule. Wegen zu viel Wind sitzen wir einige Tage in Marstal fest, suchen vergeblich nach einem tollen Fischrestaurant, kochen uns dann selbst "Plattfisk" in allen Variationen, und unsere Kinder finden nach einigen Tagen den Spielplatz doch nicht mehr so toll. Nachts pfeift der Wind im Rigg und zerrt an den Festmachern, die Wellen schlagen gegen die Bordwand, in einem Sperrholzboot besonders laut. Auch das Schauspiel der Anlegemanöver von anderen Crews ist nicht mehr so interessant, obwohl sich teilweise sechs Mann um ein Schiff kümmern, die Winschen eingesetzt werden um zentimeterweise an den Steg zu verholen. Wir wollen weiter! Die Reise geht mit einem Zwischenstop in Rudköping hinauf nach Nyborg.
Nächstes Ziel ist Kerteminde, nach zwei Tagen wollen wir weiter, aber es weht ein kalter Wind aus Nord. Da laut Seewetterbericht der Wind noch zunehmen soll, entscheiden wir uns schweren Herzens am Ausgang der Kerteminder Bucht, schon auf Nord-Kurs, den Bug nach Süden zu richten und zurück in den Svendborgsund zu segeln. Es ist die richtige Entscheidung, der Wind frischt auf, und wir erreichen Geschwindigkeiten von bis zu 8 Knoten, und das bei 2fach gerefftem Groß, ohne Fock! Das Schiff kommt durch diese Besegelung immer wieder leicht ins Gieren, die Fock will der Skipper nicht setzen, er kann sie nicht alleine bedienen, ich bin nämlich nicht immer sofort einsatzfähig. Trotz der leichten Gier-Bewegungen ist die TienTien leicht zu beherrschen, und wenn wir die Schiffe sehen, die uns kreuzend entgegen kommen, stark gerefft, stampfend, den Bug weit aus dem Wasser, maximale Schräglage, jeder Meter nach Norden muß erkämpfen werden, dann sind wir uns einig: wir sind Leichtwindfans. Nichts gegen Kreuzen, aber nicht unter diesen Bedingungen.
In Ranzausminde bleiben wir 3 Tage, genießen die herrliche Ruhe in dem schön gelegenen Hafen. Bei dieser nördlichen Windrichtung liegt der Hafen sehr geschützt, die Sonne scheint, sodaß die Luft noch einige Grade erreicht. Wir haben einen herrlichen Ausblick auf den Sund und in die dänische Südsee hinein. Es gibt dort keinen Spielplatz, keine Kneipe, keinen Laden, keiner von uns vermißt das. Inzwischen, nach gut 2 Wochen, haben wir uns alle an das Seglerleben gewöhnt. Michi brüllt regelmäßig bei den Ab- und Anlegemanövern - weil er in die Kajüte muß, Sabine und Leonie haben indessen schon einige seglerische Handgriffe intus, bewegen sich ohne Probleme an Deck, auch ich springe schon wesentlich lässiger mit vollen Einkaufstaschen oder Geschirrwanne vom Steg aufs Vordeck.
Über den Kleinen Belt segeln wir bei leichtem Wind zurück in die Schlei. In Maasholm wollen wir - das erste Mal - noch etwas Benzin für den Außenborder tanken, der Skipper will nicht das Risiko eingehen in dem engen Fahrwasser ohne Sprit dazustehen. Und in ganz Maasholm gibt es keinen Tropfen Benzin. Glaubt ihr, da hat auch nur einer einen Reservekanister im Auto? Frustriert packe ich den Kanister, fahre mit dem Bus zur nächsten Tankstelle nach Kappeln, fülle fünf Liter auf und fahre mit dem Bus wieder zurück - ich kam mir vor wie dieser Typ aus einer Benzinwerbung! An der Bushaltestelle Maasholm erwartet mich eine grinsende Mannschaft, die haben sich derweil mit Fischbrötchen, Pommes, Bier und Cola die Zeit vertrieben. Segeln ist schön! Tja, und dann sind wir wieder in Arnis. Mitte September, ein richtiges Sauwetter, eiskalt, windig, es gießt wie aus Kübeln! Gottseidank gibt es ja dort die schöne Kneipe...
Fazit: es hat alles gut geklappt und wir wollen alle wieder segeln, bei Michi setzen wir das einfach voraus. Es war für uns die richtige Mischung aus Segel- und Hafentagen, wir nahmen uns viel Zeit für einen relativ kleinen Törn, andere schaffen das spielend in drei Tagen! Unsere Kinder sollen noch oft mit auf Törn gehen, deshalb keine wilden Aktionen, alles auf Sicherheit, ohne Druck. Die "Familien-TienTien" ist unserer Meinung nach gelungen, ein leichtes, schnelles Boot, gut zu handhaben - doch in diesem Herbst gab es für uns einfach zuviel Wind. Wir hatten keinerlei Schäden oder Probleme mit dem Schiff, Karlheinz hat Verbesserungen für die Winterzeit im Kopf, Inneneinrichtung, Wasserversorgung u.ä.. Für mich war es nicht der reine Erholungsurlaub, aber hochinteressant, Bewegung hält jung. Zuhause träumen wir schon vom nächsten Urlaub. Segelurlaub mit "FEZZO" natürlich! |
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